Shah Rukh Khan und die dunkle Seite des Ruhms

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Shah Rukh Khan – ein Name, der auf der ganzen Welt Herzen zum Schlagen bringt. Ein Mann, der aus dem Nichts kam. Ein Mann, der sich an die Spitze der indischen Filmindustrie durchgeboxt hat – und noch lange nicht am Ende ist. Ein Mann, der eines Tages aufgehört hat, sich selbst zu gehören?

Innerhalb der letzten zwei Wochen ist er mit dem Flugzeug abgestürzt, mit dem Jeep im Treibsand versunken und beinahe von einem Waran verspeist worden. Reißerische Schlagzeilen, YouTube-Videos, die viral gehen. Anlass für mich – einem absoluten Niemand – meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Erst ein Engel ebnete uns den Weg zu Shah Rukh Khan

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, als wir die einmalige Gelegenheit bekamen, Shah Rukh Khan persönlich zu treffen. Nicht auf der Showbühne, nicht bei einer Filmpremiere. Es handelte sich um eine Veranstaltung, die im Fernsehen live übertragen wurde … aber dennoch in einem vergleichsweise kleinen Rahmen stattfand. Es waren einige Pressevertreter vor Ort. Lokale Zeitungen, deutsche Schauspieler, verschiedene Magazine … und wir.

Schon bei der Einladung war uns klar: Wir sind lediglich als Füllmaterial gedacht. Doch was tut man nicht alles, um dem König Bollywoods von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Eine vermutlich einzigartige Chance. Millionen und Abermillionen von Fans träumen von einer solchen Gelegenheit, wir waren dankbar und wollten sie uns nicht entgehen lassen.

Leider durften wir nicht an den Interview- und Fototerminen teilnehmen, dies war nur den Vertretern örtlicher Zeitungen und wichtiger Magazine gestattet. Nicht ganz nachvollziehbar, da wir einen direkten Draht zu Shah Rukh Khan Fans haben (zumindest mehr als die Lokalzeitungen) – doch unsere Vermutung, lediglich als Füllmaterial zu dienen, wurde damit bestätigt. Aber das Schicksal hatte einen fast schon komischen Hang zur Ironie:

Der Zugang zu den Pressegesprächen wurde uns verweigert, wir wurden aufgefordert, draußen zu warten. Dies taten wir. Wir gingen in einen Flur, fanden hier die Toiletten vor. Ein Mann im Anzug stand neben der Tür zur Herrentoilette. Groß. Aufrecht. Er musterte uns aufmerksam, doch erst als sich die Tür öffnete, erkannten wir: Das ist einer der Bodyguards von Shah Rukh Khan. Und Shah Rukh Khan selbst trat heraus – eine kurze Begegnung. Zu plötzlich, um irgendwie zu reagieren. Shah Rukh Khan wirkte gehetzt, er scheute den Blickkontakt, starrte an uns vorbei. Nicht aus Hochmut, vielmehr schien er sich abzukapseln, sich irgendwie schützen zu wollen. Wir ließen diesen kostbaren Augenblick verstreichen. Wir sprachen ihn nicht an. Wir ließen ihm die Ruhe, die er zu brauchen schien. Obwohl wir wussten, dass eine solche Gelegenheit niemals wiederkehren würde.

Als wir schließlich zu den Feierlichkeiten eingelassen wurden, war Shah Rukh Khan nicht mehr im Saal. Er hatte sich für einen Augenblick zurückgezogen. Wir hörten Unterhaltungen der geladenen Gäste, Schauspieler, Pressevertreter. Shah Rukh Khan sei sich wohl zu fein für weitere Fotos. Er wäre nicht mal pünktlich gewesen. Und auf seine Fans hätte er auch null Bock. Gleichzeitig erfuhren wir aber auch, dass er etliche Termine seit seiner Landung in Deutschland hatte hinter sich bringen müssen. Fototermine, Interviews, Videoaufnahmen. Stand ihm denn keine Pause zu?

Als er schließlich wieder den Raum betrat, blickte er unsicher. Fast schüchtern bewegte er sich durch die Menge einflussreicher Menschen, die ihn größtenteils noch nicht einmal kannten. Dennoch warfen sich vor allem die Damen vor ihn, um schnell ein Selfie zu knipsen. Wieder hatten wir das subjektive (!) Gefühl, dass er sich nicht wohlfühlte – auch wenn sein Auftritt im Fernsehen humorvoll und professionell ablief, ganz so wie wir es von ihm gewohnt sind. Eine Frage beschäftigt mich seither: Ist es wirklich so unverständlich, dass auch er nicht ständig begrabscht und fotografiert werden will? Ist es nicht Zeichen der Höflichkeit und des Respekts, ihn vorher wenigstens zu fragen?

Kameraleute folgten ihm überall hin, selbst wenn er auf Abstand ging. Sie filmten unaufhörlich, filmten durch Fensterscheiben hindurch. Den Fans auf der Straße wurden Versprechungen gemacht: Shah Rukh Khan käme gleich zu ihnen herunter. Dass wir schließlich überhaupt in seine Nähe durften, verdankten wir einem Engel, mit dem wir eher zufällig ins Gespräch kamen. Er wollte uns seinen Namen nicht verraten (wir wissen natürlich inzwischen, wer es war, doch wir respektieren seinen Wunsch nach Anonymität). Auch er kannte Shah Rukh Khan nicht, stellte aber viele Fragen. Warum z. B. kreischen junge Mädchen auf der Straße wegen eines 50-jährigen Schauspielers aus Indien? Er bemerkte schnell, dass wir sehr viel über den Schauspieler und seinen Werdegang wussten, dass wir ihn schätzten und sehr weit angereist waren, um ihm zu begegnen. Dem Mann, der seine Eltern viel zu früh verloren hatte, der seine kranke Schwester pflegte und trotz aller Einwände eine großartige Karriere startete.

Unser Engel war davon überzeugt, dass auch wir die Gelegenheit zu einem Interview bekommen müssten … doch so naiv waren wir längst nicht mehr. Als Shah Rukh Khan ein weiteres Mal hereingeführt wurde, war man sehr darauf bedacht, ihn den wichtigen Gästen vorzustellen. Er lächelte, schüttelte Hände, wurde weitergeführt. Er war höflich, charmant, professionell. Doch wir wären niemals bis zu ihm durchgedrungen, hätte unser Engel nicht ein Wort bei den Veranstaltern für uns eingelegt. So bekamen wir wenigstens die Gelegenheit, ihn um ein Foto zu bitten. Ja, wir haben ihn zuvor gefragt, ob das in Ordnung ist – und er lächelte uns an, nahm uns in den Arm und legte sogar den Kopf an unseren. Kleinen Leuten, unwichtigen Leuten. Da war so gar nichts von Allüren, Hochmut oder Überheblichkeit. Nichts …

Mensch oder Marketingprodukt?

Vor etwa einer Woche ging also das Gerücht um, Shah Rukh Khan sei mit dem Flugzeug abgestürzt und ums Leben gekommen. Eine europäische Zeitung schien da vollstens im Bilde zu sein. Und kaum dass er ein Lebenszeichen von sich gibt, folgt der nächste „Knaller“. Die arabische Version von „Verstehen Sie Spaß“ macht einen üblen Scherz auf seine Kosten. Und wieder springt die Presse darauf an: Shah Rukh Khan tickt aus!

Was ist geschehen? Na ja, man nehme einen Jeep, einen weiblichen Lockvogel, etwas Treibsand und einen Moderator im Waran-Kostüm und spiele dem Schauspieler einfach mal vor, er befände sich gerade in Lebensgefahr. Ja, er ist Schauspieler. Ja, er lebt ein Leben im Rampenlicht. Aber heißt das wirklich, dass es keine Grenzen mehr gibt? Darf man wirklich alles mit ihm machen?

Ganz ehrlich, würde man mich in eine solche Situation bringen und würde ich denken, ich müsste sterben – nur um dann zu erfahren, dass alles nur ein schlechter Witz war … ich hätte die Faust nicht nur erhoben, ich hätte zugeschlagen. Doch damit hätte Shah Rukh dem Showmacher nur in die Hände gespielt. Da will jemand auf dem Ruhm eines anderen reiten – um jeden Preis. Aus genau diesem Grund verzichten wir an dieser Stelle darauf, das Video auf unserer Seite zu diesem Beitrag einzustellen.

Einige Magazine äußern tatsächlich die Vermutung, Shah Rukh Khan wäre eingeweiht gewesen. Er sei ein großartiger Schauspieler und hätte möglicherweise selbst dazu beigetragen, dass das entsprechende Video viral geht.

Gut, das ist eine Theorie. Möglich ist alles. Aber ich – und das ist meine persönliche Meinung – kann das nicht verstehen: Ich bewundere den Schauspieler für die ruhige und beherrschte Haltung in einer so gefährlich anmutenden Situation. Er hat komplett die Nerven behalten und versucht, die Anwesenden zu beruhigen und zu beschützen. Die Wut, als er erfuhr, dass er nur „verarscht“ wurde, ist menschlich absolut nachvollziehbar. Sie wurde bewusst provoziert, um die Einschaltquoten und Klicks auf YouTube-Videos in die Höhe zu treiben – und es funktioniert.

Shah Rukh Khan gehört uns nicht!

Natürlich muss man mit gewissen Nebenwirkungen rechnen, wenn mal als Person in der Öffentlichkeit steht. Dennoch sollten wir gewisse Grenzen einhalten und den Respekt anderen gegenüber nicht verlieren. Shah Rukh Khan gehört allein sich selbst und seiner Familie – wir sollten dankbar sein, dass er uns inspiriert. Viele Erfolgsgeschichten beruhen auf seinem Vorbild. Und mal ehrlich: Fans, die ihn um ein Foto bitten, statt ihn mehr oder weniger dazu zu zwingen, haben ohnehin die schöneren Bilder!

Deepika Padukone steht offen zu ihren Depressionen, Künstler wie Robin Williams begingen deshalb sogar Selbstmord. Wenn wir weitermachen wie bisher, müssen wir uns nicht mehr wundern, dass Menschen trotz Schönheit, Ruhm und Reichtum keinen anderen Ausweg mehr sehen. Fangen wir doch endlich damit an, die Menschen zu schützen, die uns ein Licht in der Dunkelheit schaffen, die uns inspirieren und die uns zum Lachen und Weinen bringen. Wer ist dabei?

gez. Ein absoluter Niemand

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